Kein Tagebuch im klassischen Sinne – eher ein Echo-Raum.
Hier sammle ich künstlerische Spuren, poetische Splitter, Zitate und kleine Wahrnehmungszeichen, die sich (noch) nicht zu einem großen Text fügen, sondern erst einmal für sich stehen wollen.
*** 31. Juli 2026 ***
Kommt es nur mir so vor, oder werden Bücher immer kleiner?
In den letzten Monaten habe ich mehrere Bücher im Internet bestellt, auf die ich mich wirklich gefreut hatte. Auf dem Bildschirm wirkten sie wie ganz normale Neuerscheinungen. Erst nach dem Auspacken kam dann die böse Überraschung: kleines Format, große Schrift, viel Weißraum und oft erstaunlich wenig Text. Die meisten wirken eher wie Broschüren mit Buchrücken als wie Bücher.
Nicht missverstehen! Schmale Bücher haben durchaus ihre Existenzberechtigung. Es gibt wunderbare kleine Hardcover-Ausgaben, bei denen Form und Inhalt perfekt zusammenpassen. Dazu gehören etwa Sammlungen von Aphorismen, philosophischen Gedankensplittern oder Fragen, zu denen man immer wieder zurückkehrt und die deshalb gerne ihren Platz auf dem Nachttischchen finden.
Was mir jedoch auffällt: Broschürenartige Buchausgaben werden immer häufiger, selbst dann, wenn der Inhalt eigentlich ein anderes Format verlangen würde. Diesen Trend begegne ich bei kleinen Verlagen / Selbstverlegern ebenso wie bei etablierten Häusern, und ich ertappe mich zusehends dabei, darin nicht nur eine seismographische Anzeige für den Verfall des Buchmarktes zu sehen, sondern vielmehr für eine schleichende Entwertung des Buches als kulturelle Form. Woher kommt dieses ungeheure Selbstbewusstsein einiger Menschen, jedes längere Essay oder jede kleine Textsammlung in Buchform veröffentlichen zu müssen? Nicht jeder gute Gedanke muss sofort ein Buch werden. Und wenn doch, dann gäbe es immer noch die Möglichkeit weiter zu sammeln und zu verdichten, um es dann schlussendlich als gehaltvolle Anthologie in die Welt zu entlassen. Bis dahin kann der Text ebenso als digitaler Essay oder Substack-Newsletter erscheinen. Alles andere vergrault die letzten ernsthaften Bücherliebhaber.
Wann besitzt ein Text den Umfang und die Substanz, die ihn zu einem Buch machen und wann bleibt er im Grunde nur eine Broschüre.
*** 29. Juli 2026 ***
Gestern fand die Mitgliederversammlung des örtlichen Kunstvereins statt. Draußen Sommer, drinnen ein brütend heißer Raum unter dem Dach. Unbeirrt wurde Punkt für Punkt die Tagesordnung abgearbeitet: Berichte, Entlastungen, Wahlen, gelegentlich dieselbe Information ein zweites oder drittes Mal sowie unzählige Danksagungen. Danksagungen. Danksagungen. „Hier kann man jetzt aber einmal klatschen.“ Erneute Danksagung. Ich fühle mich wie in einer Sauna, ohne Möglichkeit der Abkühlung.
Ein Herr verheddert sich beim Versuch, alle Geschlechtsbezeichnungen hinter müden Partizipien zu verstecken und ein anderer appelliert, es mögen sich doch mehr „als Frauen gelesene Personen“ in den Beirat wählen lassen – und lässt sich anschließend selbst aufstellen.
Ich ertappte mich bei der Frage, warum die Deutschen Vereine so lieben. Um gemeinsam die Langeweile auszuhalten? Das Ergebnis der Wahl wartete ich nicht mehr ab. Ich flüchtete.
Applaus.
*** 28. Juli 2026 ***
Vorgestern habe ich Christopher Nolans „Odyssee“ im Kino gesehen. Über den Film ließe sich vieles schreiben. Mich beschäftigt im Moment jedoch vor allem ein Gedanke, nämlich der, dass uns der Film auf überraschende Weise wieder näher an die ursprüngliche Rezeptionssituation der „Odyssee“heranführt. Homers Epos wurde ursprünglich nicht zum Lesen geschrieben, sondern gehört einer Kultur der mündlichen Überlieferung an. Der Literaturtheoretiker Jurji Lotman weist darauf hin, dass verschiedene Kulturen unterschiedliche Textbegriffe besitzen. Was in einer Kultur als „Text“ gilt, muss in einer anderen noch lange nicht als solcher verstanden werden. In manchen Kulturen übernehmen mündlich überlieferte Erzählungen genau jene Funktionen, die schriftlichen Texten andernorts zukommen.
Auch Sokrates ist in diesem Zusammenhang interessant. Ausgerechnet einer der einflussreichsten Philosophen Europas hat selbst nichts aufgeschrieben. Seine Gedanken kennen wir nur durch die Dialoge Platons. Im „Phaidros“ lässt Platon Sokrates sogar grundsätzliche Vorbehalte gegenüber der Schrift formulieren: Geschriebenes könne nicht antworten, nicht nachfragen und erwecke lediglich den Anschein von Wissen.
Vielleicht lohnt es sich deshalb, Literatur nicht ausschließlich vom Buch her zu denken. Gerade weil unsere Aufmerksamkeit heute ständig um neue Reize konkurriert, wirkt die Rückkehr einer ursprünglich mündlich erzählten Geschichte in das Kino erstaunlich zeitgemäß.
Zwischen mündlicher Erzählung, Schrift, Film und anderen Medien verlaufen eben keine scharfen Grenzen, sondern lange Traditionslinien. Die „Odyssee“ hat ihr Medium immer wieder gewechselt, nicht aber ihre erzählerische Kraft.
*** 09. Januar 2026 ***
Es gibt Menschen, für die Bücher nicht bloß Zeitvertreib oder Wissensvermittlung sind, sondern Orte der Zuflucht, der Prüfung und der Verwandlung.
Für Bastian Balthasar Bux, den liebenswerten Protagonisten von „Die unendliche Geschichte“, sind es die Bücher. Sie bieten ihm Schutz und öffnen zugleich den Zugang zu einer Welt, in der er sich selbst begegnen muss.
„Die unendliche Geschichte“ ist kein Kinderbuch im harmlosen Sinne. Es ist vielmehr ein Initiationsroman, der von Schwellenräumen, Prüfungen und einer Idee von Selbsterkenntnis handelt, die auch philosophisch anschlussfähig ist.
Es lohnt sich, diesen Text erneut zu lesen. Manche Bücher verändern sich, weil wir es getan haben.
Ich habe mir „Die unendliche Geschichte“ antiquarisch besorgt und lese sie nun parallel zu „Heinrich von Ofterdingen“. Wer Novalis mitlesen möchte, findet den Austausch im Substack-Chat.
*** 04. Januar 2026 ***
Kennt ihr das, daß man mit zunehmenden Alter zunehmend wohlwollender auf seine Mitmenschen blickt?
Mir gelingt das immer häufiger. Ich sehe sie und denke: “Ach ja, auch nur unterwegs in Deinem schicksalshaften Leben.”
Nur nicht in den öffentlichen Verkehrsmitteln.
Nicht im “Stadtbild”.
Nicht im Fitnessstudio.
usw.
Da gelingt es mir nicht!
*** 30. Dezember 2025 ***
In doch recht eisiger Kälte habe ich einen kleinen Spaziergang gemacht, auch um das zu dieser Jahreszeit doch arg reglementierte Tageslicht nicht ganz zu verpassen. Danach machte ich noch einen kleinen Abstecher in das Landesmuseum Hannover. Die Sonderausstellung war ziemlich dunkel, wahrscheinlich weil die Kupfer- und Holzstiche von Hendrick Goltzius vor Tageslicht geschützt werden sollten. Insgesamt war es dann eine Herausforderung für die Augen, und ich fragte mich, wie die zeichnende Dame, die stoisch vor einem der hochhängenden Kupferstiche saß, überhaupt irgendetwas auf ihrem Blatt Papier sehen konnte.

„Quis evadet?“, also „Wer wird ihr entrinnen?“, bezieht sich auf einen Kupferstich zur Vergänglichkeit, den ich dort gesehen habe. Er zeigt einen Cherub bzw. Putto, der sich auf einen Totenkopf stützt und Seifenblasen bläst. Das Motiv mit den Seifenblasen passt zum morgigen Silvesterfeuerwerk: Beide inszenieren Schönheit genau in dem Moment ihres Vergehens und werden dadurch zu Allegorien der Vergänglichkeit.
„Quis evadet?“ – Was ist hier eigentlich gemeint?
Der Betrachter?
Der Putto?
Oder die Seifenblase selbst, die im Augenblick ihrer Schönheit schon dem Verschwinden gehört?
*** 28. Dezember 2025 ***
In allen Übergängen scheint, wie in einem Zwischenreiche, eine höhere, geistliche Macht durchbrechen zu wollen; und wie auf der Oberfläche unseres Wohnplatzes, die an unterirdischen und überirdischen Schätzen reichsten Gegenden in der Mitte zwischen den wilden, unwirtlichen Urgebirgen und den unermesslichen Ebenen liegen, so hat sich auch zwischen den rohen Zeiten der Barbarei, und dem kunstreichen, vielwissenden und begüterten Weltalter eine tiefsinnige und romantische Zeit niedergelassen, die unter schlichtem Kleide eine höhere Gestalt verbirgt. Wer wandelt nicht gern im Zwielicht, wenn die Nacht am Lichte und das Licht an der Nacht in höhere Schatten und Farben zerbricht (…) (Novalis: Heinrich von Ofterdingen, Stuttgart 2025, S.23)
*** 4. November 2025 ***
Ich gehe durch die Stadt und blicke die Menschen an.
Aber kaum jemand sieht zurück.
Vielleicht, weil der Blick heute fast nur noch zwei Dinge bedeuten darf:
Flirt – oder Angriff.
In vielen Kulturen gilt er ohnehin als Tabu.
Aber hier, bei uns, war das einmal anders:
Freundlicher. Offener.
Ein stilles Zeichen von Menschlichkeit.
Heute gibt es echten Blickkontakt fast nur noch im Verkaufsgespräch.
Ich halte dagegen. Noch.
***19.Oktober 2025***
Wenn man eine Ahnung davon bekommen möchte, wie prüde unsere Gesellschaft, trotz zur Schau getragenen Vielfalts-Opportunismus ist, muss man sich nur einmal alte Filme 🍿 anschauen. Ich hab‘s getan. „Flashdance“: Das letzte Mal gesehen als ich in der 11. Klasse war. Neben mir ein sabbernder 💦Boyfriend, der nur Augen 🙄für die Hauptdarstellerin hatte. Im Nachgang durchaus zu verstehen: Der ganze Streifen lebt von Sexanspielungen für pubertierende Jungs. selbst die Tanzszenen sind so in Szene gesetzt, dass heute fünf Minuten Triggerwarnungen den Film vorausgehen müssten. Ansonsten: grottenschlechter Plot. grottenschlechte schauspielerische Performance und trotzdem Spaß beim Wiedersehen gehabt. Samstagsabend ging es mit meinem Kinospaß weiter: „Female Troubles“ aus dem Jahre 1974. Ich muss diese Anarcho-Komödie wahrlich im Vor-Teenager-Alter gesehen haben (Gruß an meine Eltern😂) und dann wahrscheinlich auch noch im Fernsehen 📺 zur besten Sendezeit, was damals anscheinend kein Problem darstellte. Einiges muss auf mein kindliches Gemüt damals so verstörend gewirkt haben, dass es gestern bei mir zu Wiedererkennungsmomenten kam. Tabubruch ist hier Programm und heute, wo sich der Zeitgeist zwischen amerikanisch inspirierter Prüderie und gehypter islamistischer Ideologie 🧕😭bewegt, wünsche ich mir solch freiheitlich-kreative Interventionen zurück. Für eine Renaissance mit positivem Rückenwind anstatt Dauer-Depression. ☀️
***13.Oktober 2025***
In der Kestnergesellschaft in Hannover sind aktuell u.a diese kleinen Skulpturen von Trevor Young zu sehen. Sie erinnern an wild wachsende Pilzgeflechte. Das Material stammt wahrscheinlich aus dem Baumarkt und die abenteuerlichen Stecker-Konstruktionen sehen zumindest brandgefährlich aus, sind es aber wahrscheinlich nicht.
***21. September 2025***
Heute, zur Herbsttagundnachtgleiche, war ich einmal wieder beim kleinen Quellheiligtum in der Eilenriede.
Auf dem Brunnenstein steht geschrieben
FONTI INEST NUMEN
HOSPES VENERARE LIQUOREM
Übersetzt bedeutet dies:
In der Quelle wohnt eine göttliche Kraft.
Fremdling, verehre das Wasser!
Mehr zu “Heiligers Brunnen” läßt sich hier erfahren..
***17. August 2025***
In einem Brief an Richard Wagner vom 13. Mai 1868 schrieb Ludwig II.:
“Ich habe die Absicht, die alte Burgruine Hohenschwangau bei der Pöllatschlucht neu aufbauen zu lassen im echten Styl der alten deutschen Ritterburgen und muß Ihnen gestehen, daß ich mich sehr darauf freue, dort einst (in drei Jahren) zu hausen; mehrere Gastzimmer, von wo man eine herrliche Aussicht genießt auf den hehren Säuling, die Gebirge Tyrols und weithin in die Ebene, sollen wohnlich und anheimelnd dort eingerichtet werden. Sie kennen ihn, den angebeteten Gast, den ich dort beherbergen möchte; der Punkt ist einer der schönsten, die zu finden sind, heilig und unnahbar, ein würdiger Tempel für den göttlichen Freund.
Auch Reminiszenzen an Tannhäuser (Sängersaal mit Aussicht auf die Burg im Hintergrund) ud Lohengrin (Burghof, offener Gang, Weg zur Kapelle) werden Sie dort finden: In jeder Beziehung schöner und wohnlicher wird diese Burg werden als das untere Hohenschwangau, das jährlich durch die Prosa meiner Mutter entweiht wird. Sie werden sich rächen, die entweihten Götter, und oben weilen bei uns auf steiler Höh‘ umweht von Himmelsluft.“
Gefunden habe ich dieses Zitat von König Ludwig II. bei Jürgen Schrader: Die alte Burgruine bei der Pöllatschlucht, Norderstedt 2019, S.2.
***01. Juli 2025***
Im Hitze-Sommer. Und dennoch keine Zustimmung zur Klima-Liturgie, die Hans Jonas’ “Furcht” zur Dogmatik einer apokalyptischen Klima-Religion erhoben hat.

***29. Juni 2025***
Gestern erst im Sprengel Museum Hannover gewesen und an einer französischsprachigen Führung zur abstrakten Kunst teilgenommen. Ich dachte, wenn ich mich selbst im Thema auskenne, ist es leichter den Ausführungen zufolgen, zumal sie sich ja auf “tableuxs” beziehen. Das hat auch geklappt. Da meine Sprachkenntnisse eher mager sind, konnte ich mich an Gesprächen leider nur spärlich beteiligen, aber das kann sich ja noch entwickeln.
Danach bin ich noch zum Staudengrund am Maschsee gelaufen, um ein paar Fotos für mein Zarathustra-Kunstprojekt zu schießen. Leider waren die entspannten Liegesessel dort alle von Liebespaaren besetzt. Es sei ihnen gegönnt.
Heute: Butoh in der Kirche der Stille: Bewegungsmeditationen, Tuch über dem Kopf – bei 26 Grad – und Verweise auf japanische “Meister”. Ein Raum, der Tiefe versprach, doch nach Didaktik und Devotion roch.
Kein Ritual, keine Frage, kein Mythos – nur formgewordene Absichtslosigkeit.
Vielleicht war das Heiligste an diesem Tag mein eigener Zweifel.😀
*** 13. Juni 2025 ***
Heute Mittag bin ich bei einer Modenschau von Heranwachsenden gelandet – ein Schulprojekt einer berufsbildenden Schule. Ich war nur kurz dort. Ich merkte schnell, dass mich die Unsicherheiten der Jugendlichen ebenso nicht mehr erreichten wie die weitgehend vorhersehbare Mode, die kaum etwas Eigenes erzählte.
Vielleicht habe ich zu früh abgebrochen – möglicherweise kam das Besondere erst später.
Ein Kleid jedenfalls blieb mir in Erinnerung: ungewöhnlich, mit Haltung.
Am Samstag fahre ich – trotz angekündigter großer Hitze – noch einmal nach Halberstadt.
Ich war vor etwa zehn Jahren schon einmal dort.
Damals begann meine Wanderung im Landschaftspark Spiegelsberge. Hier ist der Text von damals.
Der Ort ruft wieder. Morgen wird es anders sein.
*** 9. Juni 2025 ***

Ein Liniennetz im Blau,
ein zerrissener Gedanke,
ein Vogelprofil im Aufbruch.
(Skizzenhaft: Mythopoetische Spurensuche am Maschsee.)





