Abb. 1: Lucas Jennis, Ouroboros (17. Jahrhundert). Quelle: Wikimedia Commons.
Über Kunst, Alchemie und Erfahrungsräume
Wie entsteht ein Kunstwerk? Für mich liegt sein Ursprung nicht in der Umsetzung einer fertigen Idee. Das eigentliche Werk entsteht bereits im Prozess und zwar als offener Dialog mit dem Unbekannten. Aus diesem Dialog können Zwischenräume entstehen, die wiederum neue Einsichten ermöglichen.
Dieses Unbekannte kann dem persönlichen Unbewussten entstammen. Geht man davon aus, dass dieses – in einer an Platon orientierten Denkweise – Anteil an einer übergeordneten Wirklichkeit hat, lässt sich dieser Kontakt mit dem Unbewussten zugleich als Begegnung mit einer Wirklichkeit verstehen, die gleichsam im Einzelnen verwurzelt ist und diese dennoch übersteigt.
Wenn also vorausgesetzt wird, dass das Unbekannte nicht nur psychologisch zu lesen, sondern auch Ausdruck einer numinosen Wirklichkeit ist, dann lässt sich dieser Prozess nicht allein als innenpsychisches Geschehen begreifen, sondern ebenso als wechselseitiger Dialog zwischen Ich und dem Numinosen.
Die Alchemie in der Kunst liegt also gleichsam im Künstler wie auch außerhalb von ihm.
Innerhalb dieser Denkfigur erscheint Kunst als ein Weg, Erfahrungen zu ermöglichen, die traditionell dem religiösen Erleben zugeschrieben werden. Kunst entfaltet Erfahrungsräume, die zwar aus einer bewussten künstlerischen Intention hervorgehen, sich aber im Entstehungsprozess und in der Begegnung mit dem Betrachter jedoch der vollständigen Verfügung des Künstlers entziehen können. So kann Kunst immer dann eine heilsame Energie entfalten, wenn sie tröstliche Erfahrungen von Ganzheit ermöglicht. Sie kann aber auch Irritation, Trennung oder die Infragestellung vertrauter Gewissheiten hervorrufen. Die Bedeutung von künstlerischen Prozessen liegt nicht in einer bestimmten Wirkung, sondern darin, Erfahrungsräume zu eröffnen, in denen neue Einsichten möglich werden.
Versteht man Kunst auf diese Weise, dann ist sie weniger die Produktion von Objekten als die Eröffnung von Erfahrungsräumen. Ihr Wert bemisst sich nicht allein an ästhetischen Qualitäten, sondern an ihrer Fähigkeit, Wahrnehmung zu transformieren und den Dialog mit dem Unbekannten zu ermöglichen.
Wie entsteht ein solcher Erfahrungsraum überhaupt?
Diese Frage führt mich aktuell zum literarischen Motiv des unheimlichen Hauses. Nicht weil mich das Unheimliche als Genre vorrangig interessiert, sondern weil ich vermute, dass gerade die Irritation des Vertrauten Erfahrungsräume eröffnet, in denen ein Dialog mit dem Unbekannten möglich wird. Welche Erkenntnisse daraus entstehen, lassen sich weder vorwegnehmen noch endgültig festschreiben. Sie sind Teil meiner spielerischen und zugleich prozesshaften künstlerischen Erforschung.
Und ich ahne bereits:
Mein Unheimliches Haus ist gastfreundlich, denn:
Kunst ist die gastfreundliche Öffnung eines Erfahrungsraums. Ob der Gast eintreten möchte, bleibt ihm überlassen.


